(photo credit: Thibaut Grevet)

Das äquivalente Prinzip zur subjektiven Wahrnehmung, man würde im Supermarkt immer in der Schlange stehen, in der es am längsten dauert bis man drankommt, ist bei Konzerten die unausweichliche Tatsache, dass die größte Person im gesamten Publikum immer genau den Platz im Blickfeld zwei Reihen vor einem selbst einnimmt.

Das ist immer schade, aber heute, an diesem mildem September-Abend im Gasometer, ist es ganz besonders ärgerlich. Denn hier steht seit ein paar Minuten Simbiatu Abisola Abiola Ajikawo, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Little Simz auf der Bühne und auch wenn deren Songs aufgrund ihrer überragenden Qualität eindeutig, ohne viel Notwendigkeit für weitere Exzellenz, für sich stehen könnten, so ist die Bühnenpräsenz von Little Simz mehr als nur ein Sahnehäubchen des Konzertabends; sie ist das, was schlussendlich den Unterschied macht, zwischen einem guten Konzert, das sich in die Masse von vielen in der eigenen Erinnerung einreiht, und einem fantastischen Konzert, an das man noch viele Male zurückdenken wird. Denn ja, was Little Simz hier abliefert, ist beeindruckend. Nicht nur ihre Bars, die sie live mit fast noch akzentuierterer Präzision ausspuckt als auf Platte, sondern auch ihre Ausstrahlung, mit der sie selbst die letzten Reihen der Tribüne erreicht. Das alles ohne viel Bühnensetup und einer relativ simpel gehaltenen Show (dasselbe gilt übrigens für den Support Act BINA, die überhaupt nur in der Gesellschaft ihres Mikrofonständers den Auftritt bestritt).

Bevor Little Simz die Bühne betritt, wird eine Reihe an Fotografien auf die Bühne projiziert, die Simbiatus private und berufliche Laufbahn nachzeichnen, vom Baby bis zu der 31-jährigen Frau, die wir heute zu Gesicht bekommen. Was auffällt ist, dass sich bis auf die Größe und die Proportionen nicht viel geändert hat; auf allen Abbildungen jeder Altersklasse blickt einem die Kombination aus einem neugierigen, vertrauensseligen, begeisterungsfähigen Kind und einer weisen Frau entgegen, die viel gesehen und dabei gelernt hat, sich abzugrenzen, und sich ihren inneren Frieden nicht nehmen zu lassen, die Tragik um sie herum sie nicht hart werden zu lassen.

Dabei hätte es auch anders kommen können. Aufgewachsenen in einem Housing Estate in North London ist die britisch-nigerianische Sängerin in einer großen Familie aufgewachsen, mit drei älteren Geschwistern, einer Vielzahl an wechselnden Pflegekindern, die ihre Mutter betreute und ständige Besuche von Verwandten der erweiterten Familie. Ihre Mutter, so betont Little Simz es immer wieder, war eine Quelle von Liebe und Geborgenheit, zu ihrem Vater, der sich von ihrer Mutter scheiden ließ als sie elf Jahre alt war, hätte sie jedoch keinen Kontakt mehr. In „I Love You, I Hate You“ auf Sometimes I Might Be Introvert sinniert sie in identifizierbarer Weise darüber, dass ihr erster Herzschmerz in ihrem Leben ihr nicht von einem Jungen, sondern von ihrem eigenen Vater zugefügt worden wäre, „anxiety givin' me irregular heart rate, used to avoidin' and then hide how I really feel about this, now I see how fickle life can be and so it can't wait, should've been the person there to hold me on my dark days, it's easier to stargaze, and wish than be faced with this reality, is you a sperm donor or a dad to me?”

Auch abseits ihrer Familie wurde Simbiatu immer wieder mit Verlust und Verrat konfrontiert. Harry Uzoka, ein Kindheitsfreund, wurde in ihrer knive-crime-geplagten Heimatstadt erstochen, und mit ihrem Ex-Produzenten, kreativen Partner und langjährigen engen Freund Inflo (Dean Josiah Cover) befindet sie sich momentan in einem Rechtsstreit, nachdem dieser sie finanziell und seelisch hintergangen hatte (so hört man es auch am Opener „Thief“ an diesem Abend, wo sie singt „financial exploitation, emotional exploitation, calculated and conceited manipulation, you a thief“).

Während Little Simz‘ Alben immer persönlicher werden, scheint es bei ihren Live-Shows eher umgekehrt. Hat sie bei Ihrer Show im WUK im Jahr 2019 noch rührselig und fast ein wenig fragil ständig mit dem Publikum gesprochen (eventuell konnte selbiges im seelenlosen Gasometer aber auch einfach nicht so zur Geltung kommen), wirkt sie mittlerweile sehr selbstbewusst und ausgeglichen, als wäre der Drang sich beweisen zu müssen und die Angst, falsch verstanden zu werden von ihr abgefallen; man meint, viel Selbstgenügsamkeit in ihrer Art sich auf und abseits der Bühne auszudrücken, zu vernehmen. Immer und immer wieder beschwört sie auf der Bühne die in „Free“ auf ihrem neuen Album Lotus besungene Liebe, die sie selbst mit so einer Wucht ausstrahlt, dass sie in alle Winkel des Gebäudes reicht und wohl haftend an den davon angesteckten Konzertbesuchern noch in den Stunden danach mit der U-Bahn in die Vorstädte Wiens fährt.

Das im Juni erschienene Album Lotus, das sechste in zehn Jahren, ist ein vielleicht weniger bissigeres als ihre letzten Alben, aber dafür umso narrativer und vulnerabel, zu rhythmischem Hip-Hop und Jazz-Drums klagt sie einerseits ihren ehemaligen Produzenten an und feiert andererseits ihre Familie und sich selbst. Trotz oder eventuell gerade aufgrund ihrer hohen Produktivität musste Little Simz sich jedoch durch eine heftige Selbstwertkrise zu Beginn der Arbeiten am neuen Album kämpfen (eine Verarbeitung dieser Krise findet sich auf dem Song „Lonely“). Sie hätte nicht mehr gewusst, warum sie das hier alles mache und ob sie überhaupt schreiben und die Person sein könne, von der von allen um sie herum erwartet wird, dass sie sie sei. Bei ihrem letzten Konzert im Wiener Gasometer, im Jahr 2022, sprach Little Simz ein Mädchen im Publikum von der Bühne aus an. In mütterlicher Mentorinnen-Art beschwor sie das Kind, sie solle sich niemals von jemandem sagen lassen, dass sie ihre Träume nicht erreichen könne. Nun, am heutigen Abend, möchte man ihr dieselben Worte zurückgeben. In berührender und inspirierender Weise teilt sie Schmerz auf der Bühne und indem sie über sich selbst singt, singt sie über uns alle.

Little Simz schließt den Konzertabend mit einer Lobeshymne an Wien ab, „Vienna, I love your energy“, sichtlich gerührt von dem Publikum, das alle ihre Texte mitsingen kann und erzählt davon, wie sie ein kleines Mädchen in einem Londoner Sozialbau war und davon träumte, Rapperin zu werden und dass es Leute wie wir hier im Publikum wären, die ihr diesen Traum ermöglicht hätten. „You changed my life“, lächelt sie. Es ist schön sie dabei zu beobachten, wie sie zeigt, dass es keine Schande ist, zuzugeben jemanden zu brauchen, in dem Sinne, dass wir alle einander brauchen. Diese Dankbarkeit und Demut sind selten bei Künstler:innen, viele verlieren sie mit zunehmendem Ruhm, oder besitzen sie von Anfang an nicht. Und hier strotzt eine Person auf der Bühne, die zeigen will, dass Liebe keine Schwäche ist und dass sie zwar Rapperin, aber vor allem auch ein Rockstar ist.

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