Es gibt Konzertabende, da weiß man schon bevor man die Venue betreten hat, dass es gut werden wird. Der Freitagabend im Juli 2026, an dem Kae Tempest in Wien gespielt hat, war so einer. Ein lauer Sommertag ging zu Ende und das gleißende Licht der Golden Hour hüllte die Arena in ein idyllisches Farbenspiel aus Erdtönen, während sich die letzten Menschen von draußen nach drinnen vor die Bühne begaben. Ursprünglich als Open Air geplant, wurde das Konzert vor einigen Wochen – vermutlich aufgrund zu wenig verkaufter Tickets – in die große Halle der Arena verlegt. Zum Glück, muss man hier anmerken. Denn es bleibt fraglich, ob auf dem weitläufigeren Gelände und der größeren Bühne dieselbe Intimität aufgekommen wäre, wie sie es schlussendlich in den Innenräumen tat.

Kae Tempest - Rapper, Poet, Musiker aus London – betrat ein paar Minuten zu spät die Bühne, in einem braunen Anzug aus dickem Stoff, der etwas zu warm für die heißen Temperaturen wirkte (und dessen Oberteils er sich auch alsbald entledigte) und schüchtern zu Boden schauend. Es dauerte eine Weile, bis er langsam immer mehr den Kopf hob und tastenden Blickes Kontakt mit dem Publikum aufnahm, die Zurückhaltung wich jedoch bald einer sichtbaren und spürbaren Verbundenheit mit der Menge.

Wenige Stunden vor dem Konzert fand ein altbekannter Kampf der Stimmen in meinem Kopf statt; da war zum Beispiel die meiner Sozialphobie, der unzählige Gründe einfielen, warum ich lieber zuhause bleiben sollte, die Gefahren in die Bilder meiner Vorstellungskraft zeichnete, wo sie eigentlich nicht dazu passten. Die Depression, die sagte, was bringt es schon, was soll sich ändern, ob es draußen dunkel ist oder drinnen, drinnen sieht es wenigstens niemand. Aber dann auch die Erinnerungen an die guten Tage, an die Tage, an denen ein wunderbares Konzert das Leben verändern, oder, wenn man nicht ganz so dick auftragen möchte, das Leben zumindest besser machen konnte, genauso wie es ein gutes Buch, ein bewegender Film oder ein an den Grund der Dinge gehendes Gespräch mit einer nahestehenden Person zu tun vermochten.

Das Konzert von Kae Tempest am Freitag war eines dieser Konzerte. Nicht nur war ich dankbar, dass ich das Haus verlassen hatte und hingegangen war, das Leben fühlte sich seither wieder etwas leichter an. Immer wieder hatte Kae Augenkontakt mit verschiedenen Personen im Publikum aufgebaut, auch mit mir, und es schien, als würde er instinktiv ahnen, welche Person in der Menge der beste Adressat für welche Message wäre.

In solchen Momenten wird klar, warum Kunst einen oft mehr zu heilen vermag als alles andere, wie viel mehr man mitnehmen konnte, wenn einen jemand ansah und die Worte ausspuckte „nothing wrong with us, it's the world that's broken, I'd be more worried if we weren't disturbed“ statt dem verständnislosen Blick und dem mitleidigen Schweigen einer Therapeutin ausgeliefert zu sein. Zu hören „I love the way you fade into a sky that is as endless as your willingness to try, keep going and it will get better“ statt gelber Zettel und neuer Diagnosen.

Wenn Kae rappt und singt, seine Lieder vorträgt, die eigentlich eher Epen sind, kommt man kaum umhin, Gänsehaut zu verspüren, immer und immer wieder. Als Kae seinen Song Tunnel Vision vortrug, in einer musikalisch sehr reduzierten Form, fast eher einer spoken word Performance gleichend, lauschte jeder wie gebannt. Kein anderer Ton als der, der vom Mikrofon kam, war zu hören. Als der Song endete, glaubte ich ein Lachen hinter mir zu vernehmen, doch als ich nach links und nach rechts blickte, merkte ich, es war nicht Lachen, sondern Schluchzen. Einige Menschen hatten zu weinen begonnen. Und nicht nur an der Stelle, auch zu späteren Momenten während des Konzertes. Auch Kae hatte immer wieder Tränen in den Augen.

„You know, I am doing this every fucking night but something about tonight is different", stellte er gegen Ende des Konzerts ergriffen fest und änderte spontan die Setlist, um einer Freundin zu gedenken, die Suizid begangen hatte. „She is not here anymore, but that’s ok“, weil sie immer da sei, wenn er an sie denke.

Kae schloss das Konzert mit einem George Michael Cover ab “because I know nothing, but George Michael knew something” und forderte das Publikum auf, diesen Abend genauso in Erinnerung zu behalten, wie er es tun würde und wenn man könnte, ein Wort, ein Bild, ein Gefühl mit nach Hause zu nehmen, das einem durch die nächsten Tage bringen würde.

Nach dem Konzert strömte das Publikum immer noch etwas besonnen Richtung U3. Man ließ den Abend noch einmal Revue passieren, es wurde diskutiert; war das Ganze nicht doch ein wenig spirituell, mutete der Auftritt Kaes nicht fast schon verstörend religiös an?

Tatsächlich scheint Kae diese ikonische Sogwirkung auch selbst in sich wahrzunehmen, so singt er zum Beispiel im Song Diagnoses: „In the old days, they'd be doing ablutions, I'd be a prophet and you'd be a seer.“

Gleichzeitig wirkt es nicht so, als würde Kae Menschen bekehren wollen, oder den Anspruch zu haben eine Leitfigur für andere zu sein, eher scheint er sich selbst als Teil eines großen Ganzen zu sehen. In seinem Gedicht Brand New Ancients schrieb er einst: “The Gods are all here.  Because the gods are in us.”

Und wenn man dann so überlegt, was das Bild oder Gedanke ist, den man, wie von Kae aufgefordert, die nächsten Tage bei sich tragen möchte, dann sind es womöglich die Worte aus Kaes Song Sunshine on Catford:

“It used to be I wore my sadness like a heavy coat, soaked through, it kept me apart from the world and it was always too tight around my throat”.

Denn wie Kae auf der Bühne am vergangenen Freitagabend sagte: „If you want love, then you have to love.” -